Wilhelm von Humboldt: Darf Bildung noch Selbstzweck sein?

Ein Beitrag von Pädagoge Adrian Brühler

Unsere Reise führt uns heute nach Potsdam, der Geburtsstadt von Wilhelm von Humboldt. Warum ist dieser Mensch für die Schulbildung von heute und in Zukunft so aktuell und was ist seine Auffassung von Bildung?


Wilhelm von Humboldt (1767-1835): Schriftsteller, Gelehrter, aber vor allem einer der wichtigsten Bildungsreformer der letzten Jahrhunderte. Bekannt wurde vor allem sein humboldtsches Bildungsideal. Und genau diesen beleuchten wir heute ein wenig genauer. Humboldt selbst schrieb seinerzeit an den preußischen König:
„Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierfür erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher so leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.“

Ganzheitliche Bildung als oberstes Ziel


Frei in die heutige Zeit übersetzt bedeuten seine Worte, dass Schulunterricht nicht die Aufgabe hat, junge Menschen auf bestimmte Berufe oder für bestimmte Zwecke auszubilden, sondern, sie ganzheitlich so zu bilden, dass sie zu aufgeklärten Menschen und Bürgern wachsen können. Ist dieses der Fall, so fällt ihnen das Erlernen eines Berufs auch nicht mehr schwer.
Bilden Schulen ganzheitlich aufgeklärte Menschen aus?
Sicherlich hat die Schule auch in der heutigen Zeit den Anspruch, ihre Schülerinnen und Schüler in vielen Bereichen der Allgemeinbildung auszubilden. Die Frage, die ich in diesem Zusammenhang aber stelle ist: Wäre Wilhelm von Humboldt der Meinung, dass aus den Schulen heute aufgeklärte Menschen und Bürger erwachsen, die seinem Bildungsideal entsprechen? Meiner Meinung nach ist dies zu selten der Fall. Der Grund liegt in der Herangehensweise, wie mit Informationen und Wissen umgegangen wird:

Wissen speichern: Vernetzung und Reflexion sind entscheidend


Um sich zu einem aufgeklärten Menschen entwickeln zu können, ist das kritische Auseinandersetzen mit erworbenem Wissen unumgänglich. Es kann nicht darum gehen, dieses Wissen einfach nur abzuspeichern und wiederzugeben. Das menschliche Gehirn kann Wissen nur durch Vernetzung langfristig speichern. Was heißt das? Wird Wissen zusammenhangslos ohne Auseinandersetzung und Reflexion aufgenommen, verschwindet es nach kurzer Zeit wieder. Neues Wissen muss stattdessen reflektiert, beurteilt und mit vorhandenem Wissen vernetzt werden.

Bulimie-lernen ist nicht nachhaltig


Das sogenannte und leider oft praktizierte „Bulimie-lernen“ ist demnach der falsche Weg. Unendliche Mengen an Wissen unreflektiert aufzunehmen, hat in der Regel keinen nachhaltigen Wissenszuwachs zur Folge und ist der falsche Weg. Wissen in Klausuren nur abzuladen, ohne sich mit diesem in Transferaufgaben auseinander zu setzen, ist der falsche Weg.

Neue Methoden, wie Blended Learning beleuchten


Wie könnte ein möglicher richtiger Weg aussehen? Ich denke nicht, dass es nur den einen richtigen Weg gibt. Ich bin davon überzeugt, dass wir ganz im Sinne der Metaebene durch Auseinandersetzung und Reflexion viele Wege beschreiten sollten, um zu lernen, welche unseren Schülern am besten helfen können. Auch im Zuge der Digitalisierung haben sich Methoden wie das Blended Learning entwickelt, denen ich große Chancen zurechne, Bildung im Sinne von Wilhelm von Humboldt zu ermöglichen.

Eure Meinung: Darf Bildung heute noch ein Selbstzweck sein?


Ist es uns wichtiger, dass Kinder Unmengen an Wissen aufnehmen oder sollte es uns weniger um Quantität und mehr um Qualität gehen?
Ist die Philosophie von Wilhelm von Humboldt noch zeitgemäß? Darf Bildung heute noch ein Selbstzweck sein oder muss Bildung unbedingt immer einen direkten verwertbaren Nutzen haben?

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