Qualifizierung für die digitale Welt von morgen

Das digitale Wissen in den Köpfen der Menschen ist die Währung, mit der nicht nur die Karrieren Einzelner stehen und fallen, sondern auch der Erfolg von Unternehmen und letztlich ganzer Volkswirtschaften. Themen wie IoT, Robotik und Machine Learning verändern schon heute die Art, wie wir wirtschaften.

Bereiten wir unsere Kinder wirklich gut genug darauf vor?

Eine Vielzahl an Einflussfaktoren führt dazu, dass insbesondere unsere öffentlich-rechtlichen Bildungsstrukturen noch immer hinter den aktuellen sozio-technologischen Entwicklungen hinterherhinken. 

Unsere nicht-menschliche Umwelt wird durch die zunehmende Algorithmisierung lernen, auf uns zu reagieren und selbst Entscheidungen zu fällen. Das stellt insbesondere jüngere Generationen vor die Herausforderung, zwischen Komfort und Sicherheit auf der einen Seite und Freiheit bzw. Entbehrlichkeit auf der anderen Seite zu wählen.

Auch unser Drang zur mess- und vergleichbaren Optimierung wird Auswirkungen induzieren. Wichtige Aspekte unseres Lebens werden als Mittel für unsere Zwecke instrumentalisiert und zu sozialem oder finanziellem Kapital umgewandelt. Die Schönheit des Moments wird nur dann ausgekostet, wenn sie gleichzeitig nützlich ist. So bringt der Selfie neue Bekanntschaften, das Sportstudio reduziert Krankenkassenbeiträge und unsere Toprezensionen ermöglichen einen günstigen Urlaub. Wie weit soll der Grad der Selbstoptimierung reichen und wo beginnt die Selbstausbeutung?

In einer Phase des technologiegetriebenen Umbruchs ist die Digitalisierung von Bildungslandschaften in praktischer Umsetzung eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Soll sie doch junge Menschen neben der Erziehung durch die Eltern vor allem inhaltlich möglichst gut auf das Leben vorbereiten.

Zu diesem Zweck müssten wir die Lehrerausbildung neben den bekannten Themenfeldern längst methodisch besser auf Digitalkunde und Informatik ausrichten. Darüber hinaus bedürfte es aufgrund der Interdisziplinariät von Informationstechnologie eines ganzheitlich gedachten Curriculums vom Kindergarten über die Schulen und Hochschulen bis hin zu den weiterbildenden Einrichtungen und modernen Ausbildungsberufen für Unternehmen.

Während sich andere Länder weltweit in eine digitale Pole-Position bringen (z. B. China, Singapur, Vietnam, Estland), stehen Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland jedoch einem Schier unlösbaren Berg unterschiedlichster Herausforderungen gegenüber. Statt sich auf ihre pädagogische Freiheit zum eigenverantwortlichen Erziehen, Unterrichten, Beurteilen und Beraten reduzieren zu können, müssen sie sich – bei zunehmendem Lehrermangel – mit Erziehung, Ordnung, Umgangsformen und gesellschaftspolitischen Themen, wie z. B. Diversity, Inklusion, Religion und Integration, auseinandersetzen.

Selbstverständlich alles wichtige und notwendige Themen. Aber vor diesem Hintergrund ist kaum daran zu denken, in überfüllten Klassen obendrein auch noch sich selbst und den Schülern die Digitalisierung zu vermitteln. 

Zunehmend sind Schüler nicht mehr in der Lage, einfache Texte zu interpretieren, fehlerfrei zu formulieren, mit Medien selbst-/kritisch umzugehen, objektive Perspektiven einzunehmen und gewalt- und ideologiefrei zu agieren. Alles Grundvoraussetzungen für ein sorgenfreieres Leben aus Sicht des Individuums selbst, der Unternehmen und letztlich der gesamten Gesellschaft.

Parallel nehmen wir Anspruch aus der Schule heraus, indem wir das Erlernen formaler Inhalte (Lesen, Rechnen, Schreiben) bagatellisieren, Benimmregeln und Konsequenzen auf Fehlverhalten zunehmend abschaffen, Noten inflationär behandeln und das autonome Lernen überstilisieren.

Wie passt das zusammen?

Es wird immer deutlicher, dass sich die Schüler auch heute noch auf den Hosenboden setzen müssen, um Sachverhalte systematisch zu erlernen. Schließlich ist der Einsatz technischer Hilfsmittel ohne ein sinnvolles pädagogisches Konzept, das positive Einwirken und Vermitteln des Lehrers, geeignete Apps bzw. interaktive Inhalte für fachspezifischen Unterricht und den Willen zum Lernen trotz wünschenswerter Trends wie Gamification relativ zwecklos.

Überdies mangelt es an Software zur Vereinfachung von Verwaltungsprozessen und es hapert ebenso an sinnvollen, DSGVO-konformen Regularien zur Nutzung moderner Technologie für die Stärken- und Schwächenanalyse der Schüler. Die Lehrerschaft wird dadurch nur allzu oft im Stich gelassen.

Das Fehlen von Lösungsansätzen führt nun dazu, dass das Bildungswesen die Schüler noch immer mit Mitteln des 20. Jahrhunderts auf das 21. vorzubereiten versucht und eine “verlorene Generation von Anwendern“ erzeugt. Digital Natives zwar, die aber im Kern die sie umgebende Technik in der Breite und Tiefe nur selten verstehen, wenn sie nicht frühzeitig durch das Elternhaus gefördert werden oder es sich durch Autodidaktik selbst beibringen. Ein Irrweg in Zeiten, in denen Schlüsselkompetenzen, wie die 21st Century Skills, von Unternehmen und Institutionen gefragt sind wie nie.

Aber die Probleme erstrecken sich nicht nur auf unsere Schulen. Sie zeichnen sich zunehmend auch in unseren Hochschulen ab. Hochschulen müssen ihre reine physische Präsenz zunehmend aufgeben. Proprietäre Plattformen, welche kostenlose und kostenpflichtige Online-Kurse und Nanodegree-Programme zusammen mit attraktiven Arbeitgebern samt glaubwürdiger Zertifizierungen anbieten, greifen klassische Hochschulformen erfolgreich an. Lernformen, wie Blended Learning, setzen sich durch. Ähnlich wie in Schulen, mangelt es an Hochschulen selbst oft an Digital-Kompetenz, technischer Unterstützung und sinnvoll aufbereiteten interaktiven Inhalten.

Zeitgleich existiert ein sich vergrößerndes Gap mit Blick auf die massiven Veränderungsprozesse in Unternehmen. Diese unterliegen der Notwendigkeit, medienbruchfreie Wertschöpfungsketten zu schaffen und IT als Enabler für neue Geschäftsmodelle bzw. Produkte zu nutzen. Doch auch hier fehlt es oft an Generalisten auf Entscheider-Ebenen mit Technik-Know-how für eine strategische Neuausrichtung (z. B. in Form von Platform-as-a-Services) und an Spezialisten für vollständige Backend-IT-Prozesse, die Adaption von Big Data Analytics und für sinnvolle Einsatzszenarien von Machine Learning. Parallel wachsen die organisatorischen Anforderungen durch die Erhöhung des digitalen Reifegrades und durch Anpassungen in Form mehrdimensionaler Organisationsformen (New Work), um zum Digital Leader zu avancieren.

Junge Eltern fragen sich vor diesem Kontext zurecht, wie ihre Kinder auf eine durchweg digitale Zukunft vorbereitet werden sollen. Schließlich schmälert die wahrnehmbare Fehlentwicklung letztlich das Vertrauen der Bürger in unser staatlich organisiertes Bildungssystem und setzt Bestrebungen frei, parallele Bindungsstrukturen privat zu organisieren.

Kurzum: Wenn wir so weiter machen, droht der Kollaps unseres öffentlichen Bildungssystems und mit Zeitversatz unsere Fähigkeit, im globalen Markt konkurrenzfähig zu wirtschaften. Schüler benötigen für ihre Zukunft ein fundiertes Wissen über digitale Zusammenhänge und den technischen Sachverstand, dieses Wissen auch für spezifische Lösungen unternehmerisch einsetzen zu können und sich über Chancen und Risiken der Digitalisierung eine adäquate Meinung bilden zu können.

Zwar gibt es je nach Bundesland mal mehr oder weniger Leuchtturmprojekte, in denen verschiedenste technische und pädagogische Methoden ausprobiert werden, aber noch immer verstehen wir Digitale Bildung weder als technisches Instrumentarium zur Analyse, Förderung von Stärken und Abmilderung von Schwächen einzelner Individuen, noch als wesentlichen Inhalt, den es in Form von Digitalkunde mit all seinen Chancen und Risiken zu vermitteln gilt.

Darüber hinaus versuchen wir noch immer Rahmen zu schaffen, welche vom Vorschüler bis zum Studenten alle Menschen gleich behandelt. Dies soll im Idealfall dazu führen, dass die „schwächeren“ Schüler durch die „stärkeren“ Schüler mitgezogen werden und zugleich alle Sozialkompetenz erlernen.

Das es hier kausale Zusammenhänge gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber es lässt sich eben auch konstatieren, dass ab einem bestimmten Mischverhältnis in der Schülerschaft diese Vorteile zu Ungunsten aller Kinder deutlich kippen.

Betrachtet man die Entwicklung an unseren Schulen mit Logik und nicht aus einer ideologischen Brille heraus, dann sollten wir eigentlich dafür eintreten, dass unsere Kinder – übrigens ganz im Sinne von Diversity – ihre inhaltlichen Stärken ausbauen und ihre Schwächen reduzieren. Denn geht es nicht insbesondere darum, nicht nur plurale Lebensverhältnisse zu normalisieren, sondern eben auch darum, jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, seine Heterogenität zu erkennen und im besten Sinne gefördert zu bekommen? Entspricht das Verwerfen von Klassifizierungen und die Fokussierung auf die Individualität jedes Einzelnen nicht auch dem Konzept von Diversity? Ist es nicht geradezu unlogisch, dass der nachvollziehbare Wunsch, dass alle Kinder identische Chancen bekommen sollen, so wie wir ihn derzeit interpretieren und ausleben, eben auch dazu führt, dass wir die individuellen Stärken vieler Schüler ignorieren und uns einem kollektiven Mittelmaß zuwenden?

Sicherlich ist davon auszugehen, dass dies im späteren Leben der Kinder zu negativen Folgen für das Individuum selbst und – rein makroökonomisch betrachtet – auch für die Volkswirtschaft und letztlich den sozialen Frieden der Gesellschaft zur Folge haben wird.

Wir wissen längst, dass wirtschaftlicher Erfolg des Einzelnen gut für die Gesamtheit der Menschen ist. Dies gepaart mit der sozio-ökologischen Verantwortung bilden das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft, die im Kern solidarisch miteinander und maßvoll mit der Umwelt umgeht. Dafür benötigen wir sozial agierende, aber eben auch inhaltlich starke und wirtschaftlich unabhängige Individuen.

Im Rahmen des Bundesverbandes trete ich dafür ein, dass der geeignete Einsatz von Technologie mehr Transparenz im Bildungsalltag eines jeden Schülers herstellt und diesen in der individuellen Entwicklung bei korrekter Verwendung sogar noch unterstützt.

Fassen wir es noch einmal zusammen:
Bereits 2030 wird erwartet, dass sich die Menschen unterteilen werden in diejenigen, welche aufgrund ihrer Bildung die Digitalisierung verstehen und in Kombination mit Künstlicher Intelligenz mitbestimmen, und diejenigen, welche zum reinen Anwender degradiert werden. Technologie wird allgegenwärtig werden. Nicht nur im Wirtschaftsleben, sondern auch im privaten Umfeld. Jahrzehnte etablierte Geschäftsmodelle werden durch disruptive Innovationen schnell verdrängt. Der gläserne Mensch und das Internet der Dinge werden kommen, ob wir das gut finden oder nicht…

Ignorieren wir hingegen diese Entwicklung oder versuchen wir gar, sie zu verhindern, fallen wir sozio-technologisch und volkswirtschaftlich maßgeblich zurück und können mangels Verständnis und internationaler Wahrnehmung die Entwicklung auch in ethisch-moralischen Fragestellungen nicht mehr zum „Guten“ hin mitentscheiden.

Gravierend ist ebenso die Erkenntnis, dass wir Unternehmen beim Thema Bildung im Stich lassen durch auf das Berufsleben unvorbereitete Absolventen. Als Hochtechnologie-, Investitionsgüterland ohne eigene Rohstoffe und Exportnation ein unverzeihlicher Fehler.

Wie wollen wir unsere Kinder – nennen wir sie die Generation E für Erfindergeist, Elektronik, Elektromobilität und Energiewende – auf eine solche Zukunft vorbereiten, ohne die Strukturen nachhaltig zu verändern?

Die Zukunft wird mit Sicherheit nicht in Klassenräumen mit ungeeigneter Einrichtung und veralteten Lehr-/Lern-Methoden, die obendrein demotivierend wirken, bestimmt.

Zeit, gegenzusteuern.

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